Vom Freilernen und Gemeinschafterfahrungen

 Kathleen 

 

Vollkommen platt haben wir heute das Home- und Unschooler Treffen in Dragus/ Rumänien verlassen. Heute war der letzte offizielle Tag und zugleich mein Geburtstag. Also ein guter Zeitpunkt zu gehen.

 

Die Kinder hatten sich gewünscht, nochmals den Kletterpark mit den kleinen Hunden zu besuchen und so war das Geburtstags-Ausflugsziel einfach festgelegt. Letzten Endes waren sie allerdings so fertig von all den Eindrücken und Menschen, dass wir uns auch einfach ins Bett hätten legen können. Ebenso wie die kleinen Hundewelpen vom Kletterpark die dort geschlafen haben, und die anscheinend auch eine aufregende Zeit hinter sich hatten.

 

 Die Zeit im Camp war in vielerlei Hinsicht eine intensive Zeit. Ich bin froh dort gewesen zu sein, aber auch sehr froh, dass es nun weitergeht. 

 Aber fangen wir von vorn an.

 

Dragus ist ein kleiner Ort in Rumänien dessen Bürgermeister so freundlich war, für das Treffen einen geeigneten Platz einschließlich Bühne, Strom, großen Stellflächen, warmen Duschen und Sanitär zur Verfügung zu stellen. Auch in Rumänien ist das Freilernen und Homeschoolen gesetzlich nicht erlaubt. Aber jemand erwähnte mal so treffend, dass er froh sei in einem Land mit viel Korruption und ganz anderen „Problemen“ zu leben, so dass sich niemand wirklich darum kümmert, wenn Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schicken. Es scheint wirklich jede Menge Freilerner und Homeschooler zu geben.

 

Auch wir würden unseren Kindern gern einen anderen, freieren Weg des „Lernens“ ermöglichen. Genauso wie ein Kind zu seiner Zeit krabbeln lernt, zu laufen und zu sprechen, so wird es auch alles andere zu seiner Zeit und entsprechend seinen Interessen lernen. Das dies funktioniert, wenn man nur das entsprechende Vertrauen in seine Kinder hat, ist durch viele Studien und Beispiele belegt. Hier in Rumänien wollten wir andere Familien kennenlernen, die diesen anderen Weg der „Bildung“ eingeschlagen haben und von ihren Erfahrungen lernen.

  

Einige der Familien praktizierten mit ihren Kindern in der Vergangenheit Homeschooling. Dabei haben sie aber lernen müssen, das dies im Grunde nur eine Verlagerung der Schule in das häusliche Umfeld bedeutet. Große Anstrengungen erforderte hierbei die Abarbeitung von Lehrplänen, bzw. bringt es Kinder und Eltern zwangsläufig wieder in die Situation des „Lernen müssens“. Das wiederum bedeutet unnötigen Stress für beide Seiten. Eine Mutter erklärte uns, dass ihre Kinder immer gerne andere Dinge lernen wollten, als die die gerade auf dem Plan standen. Letzten Endes können ihre Kinder nun frei entscheiden wann, wie und was sie lernen möchten. Die Lehrbücher dienen nur noch als Orientierung.

  

Die meisten der Familien praktizieren Unschooling. Die Kinder entscheiden frei über ihre Zeit und womit sie diese verbringen möchten. Auf den, am Abend stattfindenden, Talentshows konnten wir einen Eindruck gewinnen mit was sie sich beschäftigen und welche Interessen die Kinder haben. Musik, Tanz, Akrobatik, Sport. Sie konnten sich selbst zu den, von den Kindern organisierten und moderierten Talentshows anmelden und zeigten mit Begeisterung ihr Können.

 

Die Talentshows waren beeindruckend. Abgesehen von dem Können der Kinder, war es eher die Selbstverständlichkeit mit welcher die Akteure ihre Auftritte zeigten. Tage vorher wurde heimlich geübt. Kinder aller Altersgruppen zeigten mit Begeisterung was sie gelernt haben und woran sie Spaß haben. Unabhängig wie gut das Ergebnis war – es lachte niemand! Welch eine Bestätigung und Sicherheit für die Kinder. Sogar unser Räuber, der früher nie im Mittelpunkt stehen wollte, der nicht mal zu Hause ein Lied für uns singen wollte, ist auf der Bühne aufgetreten. Er wollte unbedingt tanzen, und hat dann mit zwei seiner Freundinnen eine tolle Tanzshow aufgeführt. Das sogar zweimal. Die Reise und das Umfeld haben soviel bewirkt.

 

Überhaupt haben wir viele Kinder getroffen, die mit einer ungewohnten Selbstbestimmtheit unterwegs waren. Mutig und ohne Berührungsängste. Gerade auch in Sachen Verständigung in einer Fremdsprache waren die Kinder viel offener als die Erwachsenen.

 

 

Leider gab es auch Reibereien unter den Kindern und auch einige Momente wo ich dachte, Freilernen hat nichts damit zu tun, die Kinder einfach nur frei herumlaufen zu lassen. Manchmal ist etwas Lenkung und Leitung, unserer Meinung nach, von Nöten. Ein anderes Thema ist für uns die Vermittlung eines pazifistischen Weltbildes. Wenn wir unseren Kindern einen anderen Zugang zum Leben ermöglichen wollen und sie die Gestalter unser Zukunft sind, halten wir es für elementar diesen Gedanken zu vermitteln und jegliche Spielzeugwaffen, oder auch das Fangen von Tieren zu meiden. Zum Glück handelte es sich um Momentaufnahmen.

  

Es hat sich bestätigt, dass Lernen im Nebenbei stattfindet. Interessensgesteuert und dadurch nachhaltig. Wir glauben, das diese Form des Lernens sehr gut funktioniert. Ein 13-jähriges Mädchen sagte beispielsweise sehr selbst reflektiert, ihr Talent sei es auf Menschen zuzugehen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ein anderes Mädchen plauderte den ganzen Tag fließend Englisch mit einem starken britischen Akzent. Sie hat es selbständig bei YouTube gelernt. Einige der Kinder haben selbständig Camp-Teilnehmer interviewt. Ein Kind war besonders an der Tierwelt interessiert und hatte entsprechend großes Wissen. Ein Junge hat am ersten Abend der Talentshows, von seinen Eltern animiert, auf dem Keyboard gespielt. Sagen wir besser, die Tasten gedrückt. Bei der nächsten Show hat er jedoch gezeigt, was ihm Spaß macht. Das jonglieren mit Bällen auf Tennisschlägern. In jeder neuen Show hat er sich gesteigert. Mehr Bälle, höhere Würfe, hinten Rücken fangen, ein Schläger, zwei Schläger. Da zeigte sich sein wahres Talent und sein Interesse. Dafür „brannte“ er und deshalb war er besonders gut darin.

 

Grundsätzlich stellte sich für alle Familien die Frage, wie sie ihren Kindern diese Form des Lernens ermöglichen können. Womit wir, neben den rechtlichen Bedingungen, wieder bei der Form des Geldverdienens wären. In einigen Familien kümmern sich die Frauen um die Kinder und die Männer gehen arbeiten. Für die meisten stellt sich jedoch die Frage wie sie ihren Lebensunterhalt möglichst ortsunabhängig online erarbeiten können. Einige haben Lösungen gefunden, indem sie beispielsweise im Homeoffice für deutsche Unternehmen arbeiten. Für die meisten, insbesondere für diejenigen die Reisen möchten, bedarf es noch Lösungen.

  

Viele Familien die wir kennengelernt haben, möchten mit ihren Kindern ein einfaches Leben auf dem Lande aufbauen. Sie sind auf der Suche nach einem Platz in der Natur an welchem sie frei und selbstbestimmt leben können. Eine Familie hatte gerade ihre Wohnung in Bukarest aufgegeben und reist mit zwei kleinen Kindern (1,5 und 3 Monate), dem restlichen Hab und Gut, zwei Zelten und ihrem PKW durch die Lande um einen neuen, naturverbundeneren Platz zum Leben zu finden.

 

Im Camp konnte ich eine Menge über ein Leben in Gemeinschaft lernen. Letztendlich war es ja eine Gemeinschaft auf Zeit. Der verbindende Grundgedanke war die besondere Form des Lernen für die Kinder. Dies bedeutet allerdings noch lange nicht, dass alle die gleichen Grundwerte teilen, oder die Kinder in der gleichen Form groß ziehen. Ich habe jedenfalls gelernt, dass eine Gemeinschaft für mich definitiv genügend Freiraum für uns als Familie bieten muss. Teilweise hatte ich das Gefühl uns als Familie nicht mehr spüren zu können, weil ständig andere Menschen um uns herum waren. Sie waren alle nett, keine Frage, aber ich brauche Freiraum für mich. Wie schön war es da zu hören, dass auch andere Familien das bestätigt haben.

 

Ebenso wichtig ist mir der gleiche Umgang mit Kindern. Wir versuchen unseren Kindern viele Freiheiten zu lassen aber bestimmte Regeln sollte es schon geben. Da wird es manchmal schwierig, wenn die einen dürfen und die anderen eigentlich nicht sollen.

 

Am Ende wird es wahrscheinlich unmöglich werden eine Gemeinschaft zu finden, die all dies und dann noch unsere weiteren Vorstellungen in sich vereint. Wir sollten selbst eine gründen und dann entscheiden, wen wir zu uns holen.

  

Fazit: Unsere Idee der freien Bildung für unsere Kinder hat sich bestätigt. Wir haben gesehen, dass es funktioniert und das es den Kindern gut tut. Nun gilt es, einen Weg für uns als Familie zu finden das umzusetzen und natürlich dabei zu beachten, was die Kinder selbst wollen.

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0